rezensionen

MELANGE DER POESIE, Barbara Rieger, Alain Barbero, Kremayr & Scheriau, 2017

Melange der Poesie ist Fotografie, Literatur, Wiener Kaffeehaustopographie; ist eine Mischung, ein Streifzug, eine Erzählung: 55 Wiener Cafés, 57 Schriftsteller und Schriftstellerinnen, 110 schwarz-weiß Fotos.
Melange der Poesie ist ein Buch des französischen Fotografen Alain Barbero und der Autorin, Schreibpädagogin, Co-Lehrgangsleiterin im BOeS Barbara Rieger. Die beiden verbinden Orte, Menschen und Worte zu einer höchst inspirierenden Mischung!
Das Buch ist ebenso Fotobuch mit poetischen schwarz-weiß Porträts österreichischer Autoren und Autorinnen in ihren Lieblingscafés wie eine Art Kaffeehausführer und zugleich ein literarisches Lesebuch mit kurzen Texten der Porträtierten.
Der BOeS ist gut mit Absolventen und Dozentinnen vertreten: etwa Erik Tenzler im literaturnahen Café Anno; Lukas Cejpek im legendären Anzengruber, Günter Vallaster im Café Bendl, Sophie Reyer in ihrem Kindheitscafé Caramel, Petra Ganglbauer im Dommayer, Margret Kreidl ausnahmsweise nicht im Rüdigerhof, sondern im Eiles, Barbara Rieger selbst im Podium, Erika Kronabitter im Schopenhauer, Gertraud Klemm im Café Stein, Dieter Sperl im Café Zartl, Gerhard Ruiss im Europa, Bettina Balàka im Hummel, Florian Gantner im Mocca, Susanne Gregor im Phil und Anna Robinigg im Siebenstern.
Wobei das Thema „Kaffeehaus und Literatur“ durchaus nicht unbelastet von langer Geschichte und jeder Menge Klischees ist. Diese werden jedoch aufgebrochen und die „alte“ Geschichte vielfältig, neu und vor allem auch weiblich weiter erzählt.
Das Kaffeehaus ist und bleibt Rückzugsort, Schreibort, Bühne, Begegnungsort, Inspirationsort, wird jedoch vielfach neu interpretiert und bewegt sich weit weg von den Räumen illustrer literarische Herrenrunden um die Jahrhundertwende. Nicht nur die Besucher, auch die Kaffeehäuser verändern sich durch Neuübernahmen und die Verwirklichung von Kaffeehausträumen und -ideen ihrer Besitzer und Besitzerinnen.
Man möchte das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen, es ist ein Buch, in dem sich wunderbar flanieren lässt, im Vor- und zurückblättern, Verweilen, Schauen, Lesen und Ausdenken eigener Geschichten. Zudem macht es große Lust, tatsächlich in die beschriebenen Cafés aufzubrechen, mit den Texten im Kopf, es macht Lust, selber im Kaffeehaus zu schreiben, und – den BOeS Workshop „Kaffeehaus schreiben“ von Barbara Rieger zu besuchen.


Brigitta Höpler

 

 

Franz und der Regenschirm. Erika Kronabitter, Illustrationen von Sarah Rinderer, Edition Art Science, 2017

Ein weiteres wertvolles und einschlägiges Kinderbuch, das jenen, die mit Kindern arbeiten, also Sozialpädagog/inn/en, Therapeut/inn/en oder Psycholog/inn/en aber auch generell Pädagog/inn/en oder Eltern als gute  Grundlage für vertrauensvolle Gespräche dienen kann, hat Erika Kronabitter verfasst.
Franz, der Protagonist, wird aus der Unbehausheit bei seinen Eltern zusammen mit seinen beiden Geschwistern in eine WG im Haus „Fühl dich wohl“ gebracht – dort lernt er unter anderen Kindern Sarah kennen.
Wir gewinnen lesend Einblick in sein früheres Leben und in das, wie er es nennt, neue Leben! Zudem eröffnet Franz uns auch seine Traumwelt, in der er seinen Alltag bewältigt.
Ein anregendes, lebendiges, sensibles, mit wunderschönen Illustrationen von Sarah Rinderer ausgestattetes Buch, das Kindern, die in Ausnahme-Situationen leben, Hoffnung gibt!

Petra Ganglbauer

 

 

DAS NESSELHEMD, ELFRIEDE KERN, JUNG UND JUNG, 2017

Endlich erscheint  wieder ein Buch der oberösterreichischen Autorin, die eine der eigenwilligsten und unverwechselbaren Erzähl-Stimmen Österreichs ist!
Wie in den Publikationen zuvor spannt Kern einen sonderbaren, in Teilen zwanghaften Beziehungskosmos auf, dem sich das Paar Meret und Sam unterwirft! Er kontrolliert und plant ihr Leben, überlappt sie sozusagen. Sie passt sich gewissermaßen an, schreibt aber alles, was ihr widerfahren ist und das, was sich ereignen könnte, in zwei getrennte Schulhefte.

Der Roman ist – darin ist Elfriede Kern singulär  - in diesem eigenartig, auch durch die Tempuswahl (Perfekt und Präsens) schleppenden, dräuenden, latent Bedrohung erzeugenden Stil geschrieben, der das ganze Buch zu einem Albtraum macht, der auch Elemente eines  schwarzhumorigen Märchens in sich trägt:
“In deinem Bettchen schlafen, von deinem Tellerchen essen...“ heißt es bereits am Anfang!
Ein lesenswerter Roman!

Petra Ganglbauer

 

 

GELBES RAUSCHEN BAUSCHEN / OMA THEKLA HINTERHER, Gerda Sengstbratl, Bibliothek der Provinz, 2017

In ihrem neuen Buch greift Gerda Sengstbratl eine Familiengeschichte auf, insbesondere aber jene von „Oma Thekla“ - jene „Ahnin“, über die in der Familie nie ein Wort verloren wurde! Thekla starb vor langer Zeit an einer Frauenkrankheit.

Die Ich-Erzählerin nähert sich der Verstorbenen in formal unterschiedlichen Anläufen: Sie erzählt aus deren Leben im Dorf, von deren Alltag, der Liebe, den Kindern.
Die Autorin zeigt Bilder, auf denen Thekla abgebildet ist, entwirft Settings voll Gestik, Mimik, Farbe und Plastizität.
Im Prolog wird der Name Thekla anhand verschiedener auch etymologischer Wurzeln abgehandelt.
Der Epilog wiederum subsummiert die „Geschichte der Gewalt“ und „Kälte“ – doch: „Am Ende bleibt ohnehin nichts.“

Ein rühriges und berührendes Buch!
                                                                                                 
Petra Ganglbauer

 

 

OLDERIX: 7 Bildserien zum Älterwerden. Nora Aschacher, Ilse Kilic, Elisabeth Köpl, Anna Petschinka, Klaus Pitter, Editha Reiterer, Fritz Widhalm. Hrsg.: Kartoon Fabrik, Wien, 2017

Ein pfiffiges, anregendes, humorvolles und thematisch beinahe schon ein Tabu sprengendes Heft, das seine Wurzeln im WUK verortet hat und prozessual im Laufe eines Jahres zunächst als Bildgemeinschaftsprojekt angelegt war.
Nach 11 Runden des Ab- und Abtausches stand schließlich fest, dass ein Heft daraus werden sollte.
Die Bildstränge, die lakonisch um Tod, Sexualität, Kunst, Lebensträume oder Altersheime aber auch physische Auswirkungen des Alterns kreisen, dies alles aber stets aber mit einem zwinkernden Auge –  docken aneinander an! Die Abfolge entschied das Los.
So entstand ein bunter, witziger unterhaltsamer und geistreicher Comic-Reigen!

Petra Ganglbauer

 

 

Petra Ganglbauer, Wie eine Landschaft aus dem Jahre Schnee, Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra 2017

In ihrem neuen Band „Wie eine Landschaft aus dem Jahre Schnee“ macht die in Wien und Burgenland lebende Schriftstellerin die Verortung der Orte zum Thema. Petra Ganglbauer, selbst an mehreren Orten verortet, beschreibt in ihren avancierten Prosaminiaturen sozusagen den „Ort, und an diesem, dort“ (9mal) ebenso wie den „Ort, und am anderen, dort“ (14mal). Hinzu fügt die Autorin noch die Parallelität: „Ort, parallel“ (13mal) – hier allerdings entsteht das Spannungsfeld einer Doppelverortung: die Parallelität der Existenz von Orten (hier und dort) sowie die Parallelität der Zeit – jedoch in einer Gegenläufigkeit, die unsere Zeitrechnung sabotiert: „…damals, in der Zukunft“.
„Ort, parallel, und ich stehe am Abgrund, damals, in der Zukunft“, das ist die Unbändigkeit der Natur, das Knospen, Blühen, Grünen, der Berg, ein Magnet aus Kalk, das Mysterium des Wachsens ein Sog und ein Raunen, wobei „Ort, parallel“ auch mit dem Impetus des Religiösen gelesen werden kann: Der Geist, das Weltversprechen sind hier verortet, die „große Höhe der Seele“. Die Natur bricht immer wieder durch, überwuchert das Menschengemachte. Überwuchert alles, auch den Ort, „am anderen, dort“. Dort nämlich, dort herrscht Krieg, brechen die Häuser auseinander, Panzerspuren, die Meute schürt die Brandnester. An den anderen Orten herrscht immer derselbe Krieg, „stürzen sie blutend zu Boden, in die Luft gejagt, auf den einen Himmel zu“, die Kleinsten und die Mütter, die Körper über Stock und Stein, Schüsse im rastlosen Gewirr.
Kursiv geschriebene Passagen beschreiben die omnipräsente Medienwelt. Wir sitzen am „Ort, an diesem dort“, an den Bildschirmen, sitzen hinter Großformaten oder Smartphones und inhalieren die Kriege aus dem anderen Ort in Form portionierter Massaker. Die Durchsagen im TV, im Rundfunk werden stündlich wiederholt, ein ständiges Wiederholen von ein- und demselben. Neu aufbereitete Wirklichkeitsstücke aus der Wirklichkeit gerissen, in andere Wirklichkeiten, in unsere Wohnzimmer, transferiert und medien/wählerwirksam aufbereitet. Von Politikern für die eigenen Zwecke umgedeutet und missbraucht. Hier, an diesem Ort wächst die Angst. Mit manipulativen Nachrichtenhäppchen wird die Angst gezüchtet, „eine hämische Angst und der Angriff gegen alles, was vor der Haut beginnt und anders riecht“. Wenn die Angst groß genug wird, setzt eine meutenähnliche Kläfferrunde ein, der Wortschatz bröckelt, der Sprachverrohung sind Tür und Tor geöffnet.
Durch die collagenartige Textverzahnung erzeugt Petra Ganglbauer ein Spannungsfeld von Ort und Zeit, von intimer Innen- und distanzierter Weltsicht. Hier bleiben keine Bilder, hier bleibt das Entsetzen ob der Verrohung, eine Verrohung, an diesem und am anderen Ort. Die Texte sind keine Versuchsanordnung, sondern präzise Wortsetzungen, differenzierter sprachlicher Wortschatz: Ganglbauers Kurzprosa resultiert aus dem scharfen Blick, der Fähigkeit der überaus wachen Aufmerksamkeit, welche die LeserInnen fordert, das soeben Gelesene noch einmal zu lesen und noch einmal in den gesamten Kontext der Verortungen zu denken.
Für die LeserInnen kann man sich nur wünschen, dass der Verleger der Bibliothek der Provinz auch genügend Geld für die Bewerbung in die Hand nimmt, um diese spannende Lektüre dorthin zu verbreiten, wohin sie gehört: In den gesamten deutschsprachigen und internationalen Raum – mit entsprechenden Übersetzungen.

Petra Ganglbauer: Wie eine Landschaft aus dem Jahre Schnee. Kurzprosa. Bilder von Gabriele Quasebarth.
Weitra: Bibliothek der Provinz 2017. 54 Seiten. EUR 10,-. ISBN 978-3-99028-681-4.
Petra Ganglbauer, geb. 1958 in Graz, lebt in Wien.
Gabriele Quasebarth, geb. 1956 in Essen, starb 1986 in Wien.

Erika Kronabitter

 

 

Nikolaus Scheibner, Die Badewanne als Kriegsgerät. Edition Art Science, St. Wolfgang 2017.

Einen konsequenten und ebenso aktuellen Gedichtband hat der Autor, Herausgeber,
Initiator und Betreiber der Evolutionsbibliothek für zeitgenössische Avantgardeliteratur nun vorgelegt: Von der Badewanne aus, der Band ist angereichert mit trefflichen SW-Fotos, die den Autor beim Bade zeigen - werden die teilweise schonungslosen, sprachlich verschärften wie verspielten Exkurse (Komposita, Permutationen, Listen, Parallelismen u.a.) ins Gesellschaftspolitische unternommen!

Bisweilen tragen die Gedichte sehr kühle Titel, die dem Inhalt noch mehr Brisanz verleihen: „verfahrenssicherheit“: „…überlebensmittel/ genozidmais/ krebserregung/ kriegserektion“.

Das Private freilich darf nicht fehlen: „hunde mehr noch katzen“ oder „die katze in der lyrik“.

Schön, daß Nikolaus Scheinbar nun wieder mit einem Band an die Öffentlichkeit geht: Ein auch unterhaltsames Buch, das (noch mehr) Lust auf Lyrik macht.

Petra Ganglbauer

 

 

Herbert J. Wimmer, Kleeblattgasse Tokio. 129 Gedichte, Klever Verlag, Wien 2017.

Formgebende Verfahren stehen im Zentrum dieser topografisch zwischen Wien, Tokio und Nozawa Onsen aufgespannten sprachreflexiven Gedichte, in denen Herbert J. Wimmer anhand von Parallelismen, Permutationen, Inversionen, Listen, ungewöhnlichen Wortzusammensetzungen u.a. gedankliche und weltanschauliche Neuschöpfungen herstellt.
Und doch ist die Erinnerung Konstituente und einer der tragenden Pfeiler in diesem Buch.
Lakonisch, mit Verve und Esprit nähert sich der Autor der Sprache und dem Leben, wobei anzumerken ist, daß jene Gedichte, die mehr im Leben als in der Sprache verankert sind, einen anderen, leiseren, seelenbewegten Duktus aufweisen. Zudem enthalten viele Gedichte Widmungen.
Ein empfehlenswerter Band für all jene, die wach genug sind, sich immer wieder und immer neu auf Sprachspiele und raffinierte Kunstgriffe einzulassen.

Petra Ganglbauer

 

 

Have a Nice Trip, Dieter Sperl, Klever Verlag, Wien 2017

„Erzeugen wir die Welt, von der wir sprechen, überhaupt nur als Sprach-Traum?“, ist eine der Fragen, die Dieter Sperl auf diesem Trip durch kleine und kleinste Erzählpartikel stellt. Wenig später heißt es: „Irgendwann verstehst auch du, dass es da niemanden gibt, dem du etwas erzählen kannst und der dich durch sein Zuhören von deinem Schmerz, der Unsicherheit, deiner Verwirrung und Angst erlösen könnte.“
Erzählt wird freilich trotzdem, von Flashs, von Vorgestelltem und von schwer Verdaulichem, von Gesagtem und Gelesenem, von zwischenmenschlichen Begegnungen und von der Poesie des Augenblicks. Auf rund 150 Seiten reihen sich Aphorismen, Gedichte, Karlauer, Listen – „Zuviel Schweinsbraten und Frittatensuppe! Kaiserschmarrn und Zwetschkenröster!“ - , Extrakte aus Alltagsdialogen – „Du bist Raucher?“ – „Ja, wenn ich rauche.“ -  Kürzestgeschichten, „Regieanweisungen“ und  eindrückliche Bilder aneinander. Manchmal kehrt einer der Gedanken wieder und wird neu bearbeitet. Dabei lässt die abwechslungsreiche Zusammenstellung keine Langeweile aufkommen.
„Have a nice trip“ ist ein Buch voller Lieblingsstellen. Zudem ist es trotz seiner Dichte handlich und lässt sich gut in die Hand- oder Jackentasche stecken und somit auf jeden Trip mitnehmen.

Barbara Rieger

 

 

Krumme Gedanken. Aus und zu Physik und Poesie, Gundi Feyrer, Klever Verlag, Wien, 2017

Idiome. Nr. 10. Hrsg. Ralph Klever, Florian Neuner, Lisa Spalt, Klever Verlag, Wien, 2017

Die Erkenntnisse der Quantenphysik und deren Übersetzung in Sprache sind Movens für den vorliegenden Band von Gundi Feyrer.
Empfehlenswert ist er vor allem auch wegen seiner formalen Aufbrechungen, das Versprengte, die unterschiedlichen Schriftbilder, - da beengt nichts Kausales oder gar Lineares die Zeilen, welche  zu einem Gutteil aus Zitaten von renommierten Wissenschaftlern, Künstlern, Dichtern, etwa von Henri Poincaré, Hans-Peter Dürr, Werner Heisenberg, Stephen Hawking oder John Cage bestehen.

Die Autorin gesellt ihre poetischen Reflexionen in Modulen dazu, durchforstet eigene ältere Materialiensammlungen, dockt dort an, stellt Fragen, denkt weiter und erweitert die Exkurse zur Wahrnehmung von Wirklichkeit. Stellt sie quasi formal dar! So assoziiert man etwa die Raumkrümmung, wenn man den Titel liest.
Ein anregendes Buch!

Ebenso kürzlich bei Klever erschienen und aufgrund ihres Bezugs zur Höhe der literarischen Zeit, ihren Strömungen und in Teilen schon klassischen Protagonist/inn/en - wie etwa Waltraud Seidlhofer, Marc Adrian, Ann Cotten oder Lucas Cejpek – beispielgebend, ist die neueste Ausgabe
Von IDIOME.

Petra Ganglbauer

 

 

Konzeptuelle Arbeiten, Derek Beaulieu, edition taberna kritika, Bern 2017

Der Kanadier Derek Beaulieu zählt zu den vielseitigsten und produktivsten VertreterInnen der gegenwärtigen visuellen, konzeptuellen und transmedialen Poesie und es ist ein großes Verdienst der von Hartmut Abendschein gegründeten Berner edition taberna kritika, dass sie einen Band mit einem Querschnitt durch seine Werke in ihr erlesenes Programm aufgenommen hat, um sie dadurch auch dem deutschsprachigen Publikum in Buchform zugänglich zu machen.

Die im vorliegenden Band versammelten Arbeiten und Serien sind eindrucksvolle Übersetzungen von Sprache ins Bild und umgekehrt, wodurch viele Facetten von Text und Schrift freigelegt und ästhetisch ansprechend sichtbar werden. Dies umso deutlicher, als der Autor intertextuell von konkreten Beispielen aus der sprachreflexiven und experimentellen Literaturgeschichte ausgeht: So wird etwa der Roman „flatland: a romance of many dimensions“ von Edwin Abbott Abbott aus dem Jahr 1884, in dem die Hauptfigur ein Viereck (A.Square) ist, das in einer Welt für Vielecke leben muss, nach dem Prinzip eines bewussten „uncreative writings“ linienzeichnerisch in möglichst unlesbare Schriften übersetzt, die wiederum Assoziationsräume eröffnen. „Local Color“ übersetzt Paul Austers Roman „Ghosts“ (dt. „Schlagschatten“) aus dem Jahr 1986 in eine kartographische Farbpartitur, indem die Farbwörter des Textes genau an den Stellen ihres Vorkommens durch Rechtecke in den entsprechenden Farben ersetzt werden. Weitere konzeptuelle Übersetzungen Beaulieus nehmen Texte, Partituren und Konzepte u.a. von Erik Satie, Marcel Duchamp, Georges Perec und Andy Warhol als Ausgangspunkte für spannende poetische Erkundungen.

Ein bibliophil gestaltetes Buch, das nicht nur viele Einsichten zur Sprache und Literatur eröffnet, sondern auch zu schreibpädagogischen Impulsen anregen kann.

Günter Vallaster

 

 

Die Prinzessin und die Erbse, Brigitte Endres,  Nilpferd 2017

Sie ist eine Prinzessin- und insofern kriegt sie immer, was sie will. Wobei- nicht ganz. Denn alles ändert sich im Leben der kleinen Frau, als die Erbse auftaucht, die gar nicht möchte, wie sie möchte. Frech und keck kullert diese nämlich einfach so vom Teller! Und schon beginnt eine verrückte Verfolgungsjagd, in der die wagemutige Prinzessin aus dem Fenster hüpft, in ein Mauseloch kriecht, auf Bäume klettert und sich sogar mit Schweinen abgeben muss. Doch alles hilft nichts- erschöpft kehrt die Prinzessin, der Erbse folgend, die sich immer noch nicht fassen lässt, ins Schloss zurück und sinkt heulend zu Boden. Doch siehe da- kaum hat sie ihren intensiven Wunsch, die Erbse zu essen, losgelassen, da hüpft diese auf ihren Schoß. Zum Dank bekommt die Erbse dafür auch ein goldenes Krönchen. Am Liebsten hätte die Prinzessin sie sogar geheiratet- aber alles hat seine Grenzen.
Die Sprache von „Die Prinzessin und die Erbse“ ist einfach, jedoch intelligent eingesetzt. Durch die Wahl der Zeit- der Text ist in der Vergangenheit verfasst- bekommt das Buch einen klassisch märchenhaft schattierten Ton. Gewürzt mit modernen Elementen ist das archaische Setting ja allein schon durch die Illustrationen- die Prinzessin trägt hübsche Ringelstrümpfe- die Sabine Wiemers beigesteuert hat, aber auch mit verspielten Worten aus dem Dialektalen, die dem Ganzen einen spritzigen Ton geben. 

Sophie Reyer

 

 

Schulmädchentexte, Barbara Ladurner, Gangan Verlag, Wien-Graz-Sydney, 2017

Die in Meran geborene und in Wien lebende Pädagogin hat ein im schreibpädagogischen Zusammenhang längst fälliges Buch geschrieben, indem sie auf die Notwendigkeit bzw. Unabdingbarkeit kreativen Schreibens für junge Menschen (und nicht nur für diese) Bezug nimmt.

Sie veröffentlicht in dem vorliegenden Buch nicht nur ganz bewusst eigene Texte, die sie als Schülerin verfasste, sondern hinterfragt auch die Kanonisierungen und Hierarchisierungen im Zusammenhang mit „guter Literatur“ und dem Jurywesen. Zugleich nimmt sie eine wesentliche Positionierung ein, nämlich jene, dass jeder Text (und seine Autorin, sein Autor) im kreativen Kontext wertvoll und ebenso eigenständig wie ernstzunehmend sind!
Eine Prämisse und ein kritisches Essay ergänzen die Textsammlung!

Ein Buch, das bereichernd für jene ist, die schon seit langem dem Leistungsdenken an Schulen (und im Literaturbetrieb) etwas entgegenhalten möchten, unter anderem ist es sicher ein guter Wegweiser für Deutschdidaktikerinnen!

Ein bildungspolitisch jedenfalls wertvolles Buch, das motivierend wirkt!

Petra Ganglbauer

Barbara Ladurner: Anleitung zum Dümmerwerden oder Praxis der Unbildung. gangan Verlag, Graz, 2017.
Ebenso pfiffig, geistreich und originell und ein heißer Tipp der neue Titel der Autorin.

 

 

Felix Funkenflug, Daniela Meisel, Picus 2017

Der Inhalt von „Felix Funkenflug“ ist leicht erzählt: Alles beginnt mit einem großen Drama. Bei Felix sind Computer UND Fernseher kaputt! Eine Katastrophe! Und mit Papa ist es auch nur mittelmäßig spannend. Doch zum Glück gibt es Kerim, einen Jungen mit Migrationshintergrund, mit dem Felix schon bald neue Abenteuer erlebt. Eine Heldenreise führt die Jungs auf Piratenboote, nach Afrika, ja sogar auf den Mond und an viele andere exotische und magische Orte. Schon bald ist Felix überzeugt davon, dass es dort viel spannender ist als in seiner Computerwelt. Schließlich kann man diese Welt angreifen - und noch dazu teilen! Doch nicht nur Felix beginnt, Kerim und seine Familie lieb zu gewinnen. Auch sein Vater ist letzten Endes entzückt von der einäugigen Großmutter, von Kerim´s Mutter Mama-Ane, vom gebratenen Huhn und von der Vanillecreme. So entzückt, dass er am Ende sogar darüber redet, wie sehr er Felix´ Mama vermisst.
„Felix Funkenflug“ ist in einer einfachen, unaufdringlichen Sprache gehalten und schmeckt auf intensive Art und Weise nach Kindheit. Es regt zum Träumen an, führt uns in fremde Welten und verliert gleichzeitig nie die Erdung. Die Protagonisten sind nachvollziehbar gestaltet und entspringen der konkreten Lebenswelt von jungen Menschen. Nie wirkt ihr Ton gekünstelt oder aufgesetzt. Es scheint, als habe die Autorin nicht vergessen, dass sie selbst einmal ein Kind war. In klaren Worten und spannenden Einzelepisoden hat sie das Geheimnis des Kleinseins für uns bewahrt.
Abgesehen davon, dass das Lesen Freude macht, lernt man auch noch eine Menge von diesem verzaubernden Buch. Unter anderem, dass die Haut von Delfinen rosa schimmert. Und das muss die Autorin wissen, denn sie selbst hat Biologie studiert. Außerdem ist sie Mutter von mehreren Kindern. Umso stolzer können wir sein, Daniela Meisel, die vielbeschäftigt und multitalentiert ist, auch noch unsere Absolventin nennen zu dürfen!
In „Felix Funkenflug“ schafft Daniela Meisel es, das archetypische Thema der Jungenfreundschaft auf eine neue und erfrischende Art und Weise zu erzählen. Eines scheint nach der Lektüre sicher: Die Verbindung zwischen richtigen Kumpels ist eben doch größer und spannender als die Verbindung zu einem Computer!

Sophie Reyer

 

 

Die Freunde des Wohlstands, Duschlbauer/Anglberger/Larcher, Albatros Verlag, Wien 2013

Lange bevor die »Fake-News« zu einem Modewort wurden, hat es die Fake-Aktionen der »Freunde des Wohlstands« gegeben - und manchmal waren sie so hinterfotzig angelegt, dass sogar die staatlichen Medien darauf hereingefallen sind. Ich erinnere mich da an die Demonstration zum Opernball, wo eine frackgekleidete Gruppe auf Schildern lautstark forderte; »Schluss mit dem Theater! Die Oper ist nicht der Prater!« - kurzum: die Staatsoper gehört zumindest einmal im Jahr wieder in die Hände der Schönen und Reichen.

Sie forderten Jagden in Schönbrunn, deponierten Geldbündel in bedrohten Banken, getreu dem Motto »In Cash we trust« oder aßen bei einem Galadiner gegen den Hunger in Afrika.
Genauso luxuriös wie ihre Aktionen ist auch das Buch, das sie selbst ein Manifest nennen, aufgemacht: das Cover in zurückhaltendem Gold, innen Vierfarbdruck und QR-Codes, um die Statements auch im Video zu sehen.

Und oft bleibt einem das Lachen im Hals stecken, obwohl es mit einem Würgen herauskommen möchte, weil man denkt: entweder könnte es wahr sein oder eigentlich ist es ohnehin noch viel schrecklicher.

Mit einem Wort: ein Ratgeber für Menschen der Premiumklasse.

Peter Bosch

 

 

Der rote Ballon, Ricardo Liniers Siri, Verlag Antje Kunstmann 2016

Heute ist Samstag, und das ist ein besonderer Tag. Da können Matilda und Clementine machen, was ihnen gefällt. Es regnet zwar, aber das ist egal. Dafür schmeckt das Frühstück besser. Die kleinere der Schwestern- Clementine- verwechselt Gummistiefel außerdem wahlweise mit einem Luftballon und einer Gummiente und auch der Regen gefällt ihr zu Beginn nicht so. Aber Matilda kann Clementine mit Schirm und Sprachgewalt dann doch davon überzeugen, dass Samstage Spass machen. Denn: Spannend ist die Natur! Dauernd verändert sich irgendetwas: Wolken, Gewitter und nasse Wiesen fächern sich als Abenteuerlandschaften vor den Kindern auf und sogar ein farbenprächtiger Bogen spannt sich über das Firmament. Vor lauter Freude wird dem Regenbogen auch gleich ein Luftballon geschenkt. Das macht Clementine dann aber doch ein wenig traurig. Da muss Matilda schon drei neue Ballone in unterschiedlichen Farben auftreiben, damit friedlich eingeschlafen werden kann!
In Liniers Bilderbuch, 2016 im Kunstmannverlag erschienen, gehen Sprache und Erscheinungsbild ineinander auf: Die comichaft gestaltete Wahl der Wörter ist witzig und verspielt zugleich und wird auch noch in Sprechblasen dargestellt. Linier verwendet für die Dialoge der beiden Mädchen onomatopoetische Sounds und arbeitet mit Mitteln der Reduktion- ganz dem Kosmos einer dreijährigen, die ja Clementine zu sein scheint, entsprechend. So ist auch das einzige Wort, das der Kleinen zum Regen einfällt, folgendes: „nass“. Im Laufe des Abenteuers werden von den beiden Mädchen alle möglichen Naturklänge nachgeahmt: „Klatsch“ klingt der Regen, „Krawumm“ macht das Gewitter. Und die Freude über die Natur entlockt den beiden Mädchen ein begeistertes„Juhuh“.  Auch mit Missverständnissen auf der sprachlichen Ebene wird hier gearbeitet: In diesem Sinne verwechselt Clementine Gummistiefel wahlweise mit einem Luftballon und einer Gummiente. Und abends, als beide glücklich einschlafen, ist das letzte Wort ein lautes aber beherztes: „Hatschi.“

In diesem Sinne ist „der rote Ballon“ eine vergnügte Gutenachtgeschichte, die bestimmt noch vielen Kindern Freude machen wird.

Sophie Reyer

 

 

papierflieger / luft. Gedichte. Jörg Zemmler, Klever Verlag, Wien 2015.

Um aus einem Blatt Papier ein Gerät zu erschaffen, das fliegt und sein Ziel erreicht, bedarf es neben dem Know How vor allem Präzision. Dasselbe gilt für einen gelungenen Gedichtband.

Mit komm / mit  lädt die erste Seite von Jörg Zemmlers papierflieger zur nächsten ein. Auf jeder Seite findet sich ein meist aus wenigen Worten bestehendes Gedicht, das Raum für die eigene Fantasie lässt. Insgesamt sind es viele kurze Texte, die aufeinander Bezug nehmen, gleichzeitig ist es ein langer Text, ein Gesamtbezugsgeflecht zwischen zart türkisen Buchdeckeln, in welches man jederzeit an jeder Stelle einsteigen kann. Seitenzahlen gibt es darin nicht, nicht weil die Anordnung zufällig ist, sondern weil die Worte eine leere Seite brauchen so wie ein Papierflieger die Luft.

Die Worte stehen da wie Noten auf einem unsichtbaren Notenblatt und ergeben eine atonale, lakonisch-melancholische Melodie, die typisch für den Autor (und Musiker) Jörg Zemmler ist. In Streiflichtern erzählt er von einer Welt, in der nichts in Ordnung zu sein scheint: der regen / kam nicht aus / es regnete / nie mehr. Er stellt existentielle Fragen (wovon leben / wovon träumen / ist das / nicht / dasselbe) und gibt unbequeme Antworten (die wahrheit / kannst du / weder kennen / noch leugnen), er spielt aber auch mit den LeserInnen: da musst du schon mit / sonst bleibst du noch da.

Mitkommen empfiehlt sich unbedingt, auch wenn Jörg Zemmlers Gedichte über das Leben ein wenig schmerzen. Doch wenn sie nicht schmerzten, wären sie nicht so schön.

Dieser papierflieger fliegt richtig gut.

Barbara Rieger

 

 

Der Nachtgärtner, Eric Fan, Verlagshaus Jacoby& Stuart, 2016

In der kleinen Stadt Grimlochweg geschehen auf einmal Wunder: Bäume verwandeln sich nämlich in Tiere. So hockt vor William´s Zimmerfenster eines morgens plötzlich eine riesige Eule aus Blättern. Aber auch überall sonst finden sich Papageien-, Katzen- und Hasenformationen, die nun die Wege und Alleen säumen. Die Menschen sind begeistert! Eines Nachts gelingt es dem kleinen William sogar, den Urheber dieser magischen Gebilde aufzuspüren: einen bärtigen, freundlichen Nachtgärtner. Natürlich erklärt William sich sofort bereit, diesen bei seinen heimlichen Streifzügen zu unterstützen. So entstehen viele unterschiedliche Skulpturen, die im Laufe der Jahreszeiten ihre Farben, Formen und Facetten verändern. Zwar fallen im Winter die Blätter ab, doch das ist egal. Denn die Menschen in Grimlochweg sind seitdem nie mehr wie früher.
„Der Nachtgärtner“ ist eine einfache, freundliche Geschichte, die durch die Figur des Protagonisten als einen besonderen Charakters besticht: Der Nachtwächter scheint ein Träumer zu sein, der das innere Kind im Menschen wieder belebt. Die Wahl der Sprache und des Settings scheint zunächst einfach. Die Erzählung lebt jedoch von clever gesetzten Auslassungen, die der geheimnisvollen Aura der Hauptfigur noch einen zusätzlichen Reiz verleihen. Die beiden Brüder, Terry und Eric Fan, scheinen ein gutes Team zu sein. Während aus Eric´s Feder die Story stammt, hat Terry für die Geschichte Bilder kreiert, die durch ihre blassen Farbtöne an nostalgische Schwarzweiss- Fotographien denken lassen. In sanften Blautönen sind die Illustrationen gehalten, sodass die Betrachtenden in eine mystische Welt versetz werden. Faszinierend an diesem Buch, das 2016 im Verlagshaus Jacoby & Stuart auf Deutsch erschienen und von Edmund Jacoby übersetzt worden ist, ist außerdem die archetypische Wahl des Settings: Denn obwohl die Illustrationen eine Verortung der Geschichte in den 1950iger Jahren anmuten lassen, bleibt offen, wann genau sie spielt. Und: wissen Sie vielleicht, wo Grimlochweg liegt?

Sophie Reyer

 

 

unter einem himmel. Gedichte. Stephan Eibel Erzberg, Mit einem Nachwort von Franz Schuh. Limbus Verlag 2016, 120 Seiten.

Die Gedichte von Stephan Eibel Erzberg, von denen viele in der Zeit von 2013-2016 bereits in der Wiener Zeitung veröffentlicht wurden, schildern, was „unter einem Himmel“ alles geschehen kann. In vier Kapiteln führt uns der Autor durch verschiedenste Alltags/diskurs/beobachtungen aus dem gegenwärtigen Österreich.

In diesem wird geliebt, gekifft, gefeiert, geschimpft und mindestens eine grundlegende Frage aufgeworfen: wars nicht vorgestern / oder erst gestern? / noch normal? (normalität) (Kapitel: frühling). Da wird weiter geliebt, gelacht, politisiert und aus dem Vollen gelebt (Kapitel: sommer). Da wird aber auch eingespart, gealtert, gelitten und gewartet, bis es zu spät ist (Kapitel: herbst). Da werden Friedhöfe und ferne Länder genauer betrachtet, Höllenstrafen ausformuliert und da wird nicht zuletzt geflüchtet und erfolgreich vergessen (Kapitel: winter).

Auch sprachlich sind die Gedichte vielfältig und - wie Franz Schuh im Nachwort schreibt - „von einer eleganten Selbstverständlichkeit.“  Stephan Eibel Erzberg jongliert mit Dialekt und Umgangssprache ebenso wie mit (politischen) Fachbegriffen und konkreten Namen. Mit ihren Reimen, Auslassungen und überraschenden Kombinationen kommen einige Texte sehr nachdrücklich, andere geradezu leicht daher. Letztere schmerzen umso mehr, wenn sie unliebsame Wahrheiten auf den Punkt bringen: wer will nicht mal / könig, königin sein / wer möchte nicht mal / den strand für sich allein / wer möchte nicht mal / der erste sein / wer möchte nicht mal / den besten wein / wer will schon die anderen / im boot (1. welt).

Barbara Rieger

 

 

Silberstreifen, Marlies Thuswald, innsalz 2015

„Silberstreifen“- romantisch mutet dieser Titel des 2015 publizierten Erstlingsbandes von Marlies Thuswald an. Doch das gar nicht so dünne Lyrikbändchen, das bei der Edition Innsalz erschienen ist, hat mit den romantischen Tagträumereien, die man sonst von jungen literarischen Stimmen kennt, wenig zu tun:
Die Formen, mit denen die Autorin spielt, sind zahlreich. Da wechseln strophenartige Texte,  Arbeiten, die an visuelle Poesie erinnern sowie einfache, reduzierte Destillate einander in facettenreichem Spiel ab. An Morgenstern´s Gedicht „Trichter“ ist man erinnert, wenn man Beispielsweise den Text „was das ist“ liest. Dann wieder wird der Leser jedoch mit einer Knappheit und Direktheit konfrontiert, die einen an Erich Fried denken lässt.

Thematisch oszillieren die lyrischen Texte zwischen Ich und Du, erzählen auf poetische Art und Weise von möglichen und unmöglichen Begegnungen, bebildern Emotionen mit Metaphern aus der Natur und erzählen von der Vielschichtigkeit des Menschseins. In jeder Hinsicht ist Marlies Thuswald „Zukunftsgärtnerin“- kein Wunder, dass eines ihrer Gedichte auch diese Überschrift trägt. Ein empfehlenswertes Buch. Wir sind gespannt auf mehr!

Sophie Reyer

 

 

Martiniloben. Roman. Marlen Schachinger, Septime Verlag 2016. 504 Seiten

Marlen Schachinger schreibt sich mit diesem Roman an der Gegenwart entlang, in der sich in einem fiktiven Dorf B., unweit der Hauptstadt [Österreichs], gleich mehrere Dramen ereignen.

Die Gegenwart, das ist die sogenannte Flüchtlingskrise, die in Österreich vor allem ab dem Sommer 2015 sicht- und spürbar wurde. Die Gegenwart, das sind terroristische Anschläge, die vermehrt auch europäische Städte treffen. Sie ist gezeichnet vom Wachsen der Angst und des Unbehagens in der Bevölkerung und vom aufflammenden Hass gegen die Fremden und auf jene, die die Fremden willkommen heißen.

Protagonistin Mona ist selbst eine Fremde im Dorf B. Die „Frau Professor“ pendelt in die Hauptstadt, wo sie am Institut für Philosophie lehrt. Im Dorf kümmerte sie sich um die dort untergebrachten Flüchtlinge, auf den Zugfahrten verfasst sie provokante Essays zur aktuellen Lage. Letzteres durchaus auch für ihren Freund Emil, der gerade seine Stelle und damit auch seine Lust auf Mona und die Beziehung verloren hat. Im alten Hof, den sie gemeinsam bewohnen, fühlt Mona sich dennoch zuhause und sicher.
Zu Beginn sind es auch „nur“ Drohbriefe, die sie erhält und die sie in einer Schublade ihres Schreibtisches stapelt. Doch ab dem Zeitpunkt, zu dem die neue Nachbarin Daniela im Hof ein- und auszugehen beginnt, wird die Bedrohung zunehmend diffuser und bringt Mona an ihre Grenzen. Nicht nur Emil macht sich aus dem Staub, auch der Kater verschwindet. Ein ehemaliger und ein Möchte-Gern Liebhaber machen ihr zu schaffen. Bald hängen Monas Job und ihre Gesundheit an seidenen Fäden.
Gleichzeitig nehmen Angst, Gewalt und Gegengewalt im gesamten Land zu. So auch im Dorf B., das sich nichts desto trotz für das alljährliche „Martiniloben“ herausputzt. Die einzige Person, die Mona uneigennützig zur Seite steht, ist die geflüchtete Salma. Mit ihrer kleinen Tochter Rana zieht sie aus dem Asylquartier aus und bei Mona ein. Und schließlich ist sie es, die am Tag des Martinilobens zum Opfer wird.

Gesäumt von zwei Prologen, einem Epilog und einem Nachwort entfaltet sich die komplexe Handlung des Romans auf 500 Seiten. Neben zahlreichen Dialogen, inneren Monologen und Essays finden sich auch Ausschnitte eines Krimis, den die Protagonistin liest.  So vermischen sich Realität und Fiktion auf mehreren Ebenen, so steuert das Politische wie das Private unweigerlich auf seinen tragischen Höhepunkt hin.

Spannend, schrecklich, kunstvoll. Eine Dystopie? Das bleibt zu hoffen!

Barbara Rieger

 

 

La Laguna. Roman. Erika Kronabitter, Verlag Wortreich 2016.

Elena hat Angst vor dem Fliegen. Die Tatsache, dass sie sich stets bis ins kleinste Detail über Flugzeugabstürze informiert, macht es nicht gerade besser. Das findet zumindest ihr Freund Paul. Doch Elena recherchiert nicht nur zu Verkehrsunfällen, sondern untersucht auch den Tod ihres Vaters, der 1986 auf Teneriffa unter nicht näher geklärten Umständen ums Leben kam. Elf Jahre danach fliegt Elena gemeinsam mit Paul auf die Ferieninsel, um der Sache endlich auf den Grund zu gehen.

Dazwischen entspannen sich in einzelnen Sequenzen die Lebensgeschichten verschiedener Figuren:
Wir erleben mit Elena Szenen aus ihrer Kindheit. Wir erfahren Stück für Stück die Hintergründe der unglücklichen Liebesgeschichte von Elenas Eltern: Mutter Hanna, deren großer Traum es war, vom Land in die Stadt zu ziehen, um dort jederzeit ins Theater gehen zu können. Vater Beppo, der Hanna über alles liebt,  der ihr aber verschweigt, dass er bereits verheiratet ist.
Neben Elenas Familiengeschichte entfaltet sich eine Art Kriminalroman: Beppo hilft seinem Freund Larek dabei, vom reichen Schlossbesitzer Kövary adoptiert zu werden. Nach dessen - trotz seines hohen Alters - etwas überraschendem Tod lädt Larek Beppo nach Teneriffa ein. Auch dort geschieht Mysteriöses, nicht zuletzt das Verschwinden Beppos.

Trotz der Zeit- und Ortsangaben zu Beginn eines jeden Kapitels benötige ich ein wenig Lesezeit, bis ich mich im Leben der einzelnen Figuren zurechtfinde. Doch dann zieht sich das Beziehungsgefüge wie ein Netz zusammen und ich bin in der Handlung gefangen. Manchmal sachlich, manchmal ein wenig romantisch, aber immer plastisch, abwechslungs- und detailreich schildert Erika Kronabitter die Lebenswege, Wünsche und Träume ihrer Figuren und macht ihre Handlungen verständlich. Damit gibt sie einen tiefen Einblick in traditionelle Moralvorstellungen im Österreich der 1960er Jahre und in den Versuch, aus diesen auszubrechen.

Barbara Rieger

 

 

Sommernomaden. Stories. Marianne Jungmaier, Kremayr & Scheriau 2016.

Ich sehe Marianne vor mir, wie sie uns im BOeS-Atelier von ihrer letzten Reise nach Indien erzählt. Dort, im BOeS, habe ich auch gelernt, dass es zu aller erst immer um den Text geht.
Also, die Protagonistin der Stories aus Jungmaiers „Sommernomaden“ befindet sich in Indien und liebt einen Kroaten namens Miro. Mit einer Freundin reist sie nach Venedig und stellt fest, dass sie nur sie selbst sein kann, wenn sie alleine ist. In Belgrad wohnt sie an einem perfekten Ort für Begegnungen, die ihrer Form nach gar nicht existieren und erinnert sich an ihren Großvater, der einst aus dem damaligen Jugoslawien floh. Sie feiert Partys in Berlin, besucht Reisebekanntschaften in London und drückt die Hand ihrer Mutter auf einem Felsen an der Küste Islands. Sie überschreitet Grenzen in Brasilien und in Nevada und schreibt in aller Stille in Schottland, bevor sie schließlich wieder in Indien landet – unsanft auf Beton!

Jede der zehn Stories steht für sich und dennoch fügen sie sich ineinander. Gemeinsam geben sie Einblick in den „Reiseführer“ der Protagonistin und in das Lebensgefühl moderner Nomaden.  Der Reichtum an Details lässt die Leserin jeden Ort vor sich sehen, riechen und schmecken. Und vor allem finden an jedem der Orte zwischenmenschliche Begegnungen statt, die die Autorin in ihrer Einzigartigkeit schildert.

Die sprachliche Fülle und sinnliche Poesie des Textes macht ihn nicht nur zu einer perfekten Sommerlektüre, sondern zu einem Buch, in das ich auch im Winter gerne wieder hineinlesen werde. Vielleicht genügt auch schon ein Blick auf das wunderschön bunt gestaltete Cover und die jedes Kapitel einleitenden Fotografien der Autorin, um gedanklich in die Ferne zu schweifen.

Barbara Rieger

 

 

räume für notizen. visuelle, digitale & transmediale poesie. festivaldokumentation 2015 & 2016. Hg.: Günter Vallaster, Edition CH, Wien, 2016

Ein informativer, ästhetischer, spannender Querschnitt - oder auch durchaus subjektiver Blick
auf die Facetten zeitgenössischer (nicht nur) visueller Poesie bietet dieser umfangreiche und mit einem präzisen Vorwort des Herausgebers ausgestattete Band  -  Günter Vallaster rollt zunächst die Geschichte der Edition CH ein wenig auf, weiters jene der Reihe „Räume für Notizen“ sowie die Begriffe visuelle Poesie, Inter- oder auch Transmedialität.

Das Buch enthält Abbildungen von Ganzkörperpoesie ebenso wie verbale Gemälde, Überschreibungen, Überzeichnungen, Abbildungen von Installationen oder eben auch visuelle Poesie im klassischen Sinn.

Zu den internationalen Beitragenden gehören u.a. Andrea Zámbori, Herbert J. Wimmer, Juliana V. Kaminskaja, Michael Fischer, united queendoms oder Günter Vallaster selbst!

Empfehlenswerte Lektüre auf der Höhe der Zeit!

Petra Gangbauer

 

 

Heute. Ein letztes Buch. Fritz Widhalm, Klever Verlag, Wien 2016

Selten habe ich so ein berührendes Buch gelesen! Nicht nur der Untertitel „Ein letztes Buch“ versetzt
die Lektüre in eine eigenartig melancholische Schwingung.

Vollkommen unprätentiös, beinahe bescheiden spricht der Autor das Leben, die Liebe, die Kunst an -
die einzelnen Texte, die jeweils mit „heute.“ beginnen, muten wie Alltagsbekenntnisse voll Esprit,
poetische Geständnisse voll Selbstironie an.

Ein Buch, das sich gut Tag für Tag - eben immer „heute" lesen läßt. Jeden Tag ein Textstück - zeitlose Lektüre -
ausgestattet mit Fotos und Bildern, die den Lebenszusammenhang des Autors präzisieren.

Petra Ganglbauer

 

 

Das sich selbst lesende Buch, Ilse Kilic, Ritter, 2016

Also, so etwas begegnet einem ja dann doch nicht alle Tage: ein Buch, das sich selbst liest. Obwohl der Gedanke der Selbstreferenzialität einer ist, der seit Beginn der Moderne keine große Erneuerung mehr darstellt. Worum es in diesem Buch geht? Um Romanfiguren, die verhindert waren, und denen in einem neuen Anlauf eine weitere Chance gegeben wird: Gemeinsam schreiben hier die Protagonisten eines Buches das Leben ihrer Schöpferin neu; das Machtverhältnis dreht sich also um. Ob es dabei Wortfragmente regnet, ob hypersensible Härchen aus den winzigen Ohren eines Babys sprießen oder ob es zu Disputen in einem Bootsbauch kommt- Ilse Kilic´s Text ist voll mit magischen, märchenhaften Facetten und Einsprengseln.
Formal ist das bei Ritter erschienen Buch überaus spannend und vielseitig gestaltet: Nicht nur würzen Bilder der Autorin selbst die literarischen und philosophischen Textteile, auch mit unterschiedlichen graphischen Textelementen wird gespielt: Da gibt es Kursivstellen, Aufzählungen, ein Gedicht, Listen, ja sogar ein Stück eingescannte Blöcke zu sehen.
Ilse Kilic´s Sprache ist unprätentiös, die Haltung dahinter von einer besonderen menschlichen Weisheit. Der Autorin gelingt es, in einem philosophischen Fleckerlteppich Kurzgeschichten, Lebensweisheiten und Comics so zu einem gemeinsamen Ganzen zu verweben, dass eine völlig neue Welt entsteht.

Sophie Reyer

 

 

bis auf weiteres. Gedichte, Gerhard Jaschke

Aus einem trefflichen, sprachwitzigen todernsten,
lebensnahen, skurrilen Fundus
schöpft einmal mehr Gerhard Jaschke in seinem
neuen Buch „bis auf weiteres“,
Neue Lyrik aus Österreich, Verlag Berger, 2016.
Empfehlenswert!

Petra Ganglbauer

 

 

Innen und Aussen. Casa Editrice, Erika Inger, Wolfgang Wohlfahrt, Publisher Edition Raetia, Bozen.

Aus der Stille gestaltet, aus der Leere und Kontemplation, so muten die Objekte von Erika Inger und Wolfgang Wohlfahrt an, die sich organisch jener Landschaft fügen und anpassen, welche sie in sich gleichermaßen einbettet - gleichwohl weisen sie, die Objekte singuläre Gestaltungsmechanismen auf. Bisweilen jedoch sind die Objekte sozusagen aus der Natur in den Ausstellungs-Raum geholt.
Es sind Manifestationen der Auseinandersetzung der beiden Künstler mit dem Licht, den Elementen, den Tages- und Nachtzeiten, den Zyklus der Jahreszeiten mithin, beispielgebende Wahrnehmungsprotokolle also, die durch deren Reflexion in den Betrachter/inn/en weiterwirken.

Dieser Katalog, der ausnehmend schön und ansprechend gestaltet ist, mag nicht nur der reinen Betrachtung dienen oder der Beschäftigung mit dem Werk der Künstler, er kann durchaus auch als Vorlage für Schreibende verwendet werden, gewissermaßen als Wahrnehmungsanregung denn die in ihm enthaltenen Objekte laden zum Weitergestalten, Weiterschreiben ein.

Die Autorin Sabine Gamper setzt sich darüber hinaus konzise mit den Arbeiten der beiden Künstler auseinander!

Empfehlenswert!

Petra Ganglbauer

 

 

Leitfaden- freies Lektorat, Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren, VFLL, Frankfurt/ Main, 2014

Wie sieht er tatsächlich aus, der Arbeitsalltag des Lektors, der Lektorin? Woran kann man die Qualität einer Lektoratsarbeit erkennen? Wie die eigenen Fähigkeiten in diesem Bereich schulen? Denn: Bei dem Beruf des Lektors oder der Lektorin handelt es sich um keinen klassischen Lehrberuf, soviel steht fest.
Kurz und präzise fasst dieses neu aufgelegte Buch die wichtigsten Punkte des Lektor/inn/en-
Daseins zusammen. Beiträge unterschiedlichster Leute beleuchten sämtliche Aspekte der Profession. Zunächst wird  von Sybil Volks das Berufsfeld des freien Lektorats kurz erschlossen, dann die verschiedenen Arbeitsfelder konzise präsentiert. Dass es sich bei freiem Lektorat um eine Dienstleistung handelt, fasst Kapitel 3 schlüssig zusammen. Denn: nur wer professionelle Honorarnoten ausstellt, kann davon ausgehen, dass die Qualität seiner/ ihrer Arbeit gewürdigt wird. In „Tipps und Tricks“ wird die Kommentarfunktion des pdf genauer erläutert, das Phänomen des Cloud Computing näher beleuchtet, über Controlling und seine Funktion reflektiert, et cetera. Auch zum Thema Fortbildung erfährt man Näheres, und zwar in Kapitel fünf. Die Zusammenfassung des Seminarangebots des Vfl, dem schließlich das letzte Kapitel gewidmet ist, bietet einen Einblick in den Kosmos des permanenten Lernens und Wachsens. Alles in allem ein schlüssiger Ratgeber, der sich rasch effizient im Arbeitsalltag einsetzen lässt.

Sophie Reyer

 

 

Eine kleine Geschichte über die Liebe, Bosch, Bolzer, Focke, Albatros, Wien, 2014

Mit äußerster Zartheit und Achtsamkeit nähert sich das vorliegende Buch den Themen
Liebe, Kindsein, Traum und Wirklichkeit.
Dergestalt originell und freigeistig ist der Text von Peter Bosch.
Er bewegt sich souverän zwischen Orten, Zeiten und Kontexten hin und her - ohne jedoch den roten Faden der Geschichte von Sanja und Sandro in einem Ferienlager (und quasi spiegelbildlich jener von den Eseln Bonnie und Clyde, die einander lieben) zu verlieren.

Auf einer weiteren Ebene wird das Erzählen von Geschichten (Mythen) ins Zentrum der Betrachtung gerückt; sie sind es, die die Welt und ihre Nachkommen zusammenhalten und die überdies den Eseln geflüstert werden müssen, obgleich diese ohnehin in der Zeit zurück- und voraushören (-wissen) können.

Raffiniert, wie dieses Buch komponiert ist, erzählt es aber auch vom Lesen, von Büchern und politischen Ereignissen wie jenes der Bücherverbrennung.

Aber es tauchen auch wundersame Gestalten und Dinge wie der Gefühlsprofessor, die Mantzen und der rote Stachelballon auf.

Ein für wache Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen attraktives Buch, das „vorbildlich“ gestaltet ist (Alexandra Bolzer / Nele Focke); ein Buch, das vom Leben und seinen Herausforderungen erzählt und zugleich Hoffnung macht!

Keine kleine Geschichte! Eine große Geschichte!

Petra Ganglbauer

 

 

 

 

 

  

 

 


   

 

 

 

 

 

 

 

 

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